Kolumne First Tee: Wiesberger und das Jahr der Österreicher

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In ihrer neuen Kolumne «First Tee» erklärt Petra Himmel das Erfolgsrezept und das erstaunliche Comeback von Bernhard Wiesberger. Weitere Portraits, Hintergründe und Kommentare finden Sie hier.

„Mein Motto ist: Was ist nicht kann, kann ich lernen.“ Dieser Spruch hat ihn nach oben geführt – ganz nach oben.
Nein, dies ist nicht das Motto von Bernd Wiesberger, der als Führender des Race to Dubai in die DP World Tour Championship in Dubai startet und eine ziemlich grosse Chance hat, am Sonntag den Grossteil des Bonuspools von fünf Millionen Dollar abzuräumen. Es ist der Leitspruch von Marcel Hirscher, Ski-Rennfahrer, der Beste, den der Skisport seit langem gesehen hatte.
Mit Hirscher würde sich Wiesberger wohl nicht vergleichen – der 30jährige Österreicher, der seine Karriere im September beendet hat, ist ein Weltstar. Der 34jährige Bernd Wiesberger dagegen ist ein Aufsteiger, dessen Erfolg man in der Golfszene eher überrascht beäugt: Er war nie ein Ausnahmetalent wie etwa Rory McIlroy; keiner, der von Beginn der Profikarriere an schnell an die Weltspitze stürmte wie Martin Kaymer. Der Wiener, dessen Eltern Klaus und Claudia auf der Golfanlage Bad Tatzmannsdorf arbeiteten, war ein erstklassiger Amateur, aber international fiel er nicht auf. Er musste viermal in die Qualifying School, dann auf die Challenge Tour, bevor er sich ab 2011 wirklich in der ersten Liga Europas behauptete.
Kein Supertalent - aber hartnäckig auf dem Weg nach oben
 
Die klassische Karriere eines hartnäckigen Arbeiters also. Diesen Hang zur Perfektion, das Austüfteln des letzten positiven Details, das teilt er sich wohl mit Skistar Hirscher. Das „Team Hirscher“, „der innere Kreis“ als Erfolgsrezept des Alpinsportlers – das ist in Österreich Legende. Ähnlich ist auch Wiesberger strukturiert: Die Eltern, die Freundin, der belgische Trainer Philippe de Busschere, Physio, Mentalcoach – sie sind die Macher des Erfolgs.
„Wir besprechen das im Team“, sagt Wiesberger wieder und wieder, als ich ihn im September in München treffe. Ein Teil seiner Crew sitzt im Interviewraum in der Ecke und hört zu. Schweigend. „Ja, da fragt man sich zwischendrin schon immer wieder, wie es weitergeht“, resümiert er die Problematik seiner siebenmonatige Verletzungspause, die 2018 begann. Die Handgelenksverletzung war eine schwerwiegende Krise – eine, die auch das Karriereende hätte bedeuten können. „Aber ich und mein Team haben dann einen Plan gemacht“, sagt Wiesberger. Operation am Handgelenk, Reha, langsames Aufbautraining. In der Weltrangliste rutschte er ab auf Position 389.
Dann kam die Saison 2019: Es ist generell die Saison der Österreicher gewesen. Wiesberger mit drei Siegen in Dänemark, Schottland und Italien. Dazu ein erfolgreicher Jungstar Matthias Schwab, der am Ende seines zweiten Profijahres ebenfalls unter den Top 100 der Welt steht. Schliesslich Sepp Straka, der sich ordentlich auf der US PGA Tour hielt.
Schwab und Wiesberger spielen dieses Wochenende das Saisonfinale in Dubai – bei den deutschen Kollegen dagegen ist eine Spielpause angesetzt. Kein einziger Deutscher ist für die DP World Championship qualifiziert. Auch Martin Kaymer schaffte als 68. des Rankings erstmals nicht den Sprung ins Finale. Das Jahr 2010, in dem er das Race to Dubai gewann und am 18. Grün auf die riesige Trophäe blickte, scheint ewig her.
Dabei geht es für den 34jährigen eigentlich bergauf. Die Saison 2018 hat er in der Weltrangliste auf Rang 172 abgeschlossen, jetzt ist er zurück auf Position 118. Sein Rundendurchschnitt auf der European Tour liegt bei 70,6 Schlägen, besser als in den meisten anderen Jahren seit seinem Start 2007. Es ist ein mühsames Comeback in kleinen Schritten, das Geduld erfordert, Detailverliebtheit. Es braucht die Besessenheit, besser werden zu wollen.
Und ein Motto: „Was ich nicht kann, kann ich lernen.“