Die Goldammer kann auf manchem Golfplatz beobachtet werden.
02.10.2024
«Die Golfplätze schliessen zum Teil sehr wertvolle Lebensräume ein»
Swiss Golf arbeitet mit der Schweizerischen Vogelwarte seit 2020 in Projekten der Biodiversität zusammen. Daraus resultierte ein Punktesystem, um die Biodiversität auf Golfplätzen zu beurteilen. Wir fragten Simon Birrer, einen Experten der Stiftung, über seine Beobachtungen.
Simon Birrer, welche Beobachtungen werden auf Golfplätzen gemacht und der Vogelwarte gemeldet?
Wir erhalten immer wieder Meldungen seltener Vögel von unseren ehrenamtlichen Mitarbeitenden. Meist betreffen solche Meldungen vorüberziehende Vögel, die kurze Zeit Rast machen. So wurden mehrfach Eisvögel oder verschiedene Watvogelarten (Bekassine, Waldwasserläufer) an Teichen auf Golfplätzen gemeldet. Die Vogelwarte hat auf verschiedenen Plätzen Brutvogel-Bestandesaufnahmen vorgenommen. Dabei zeigte sich, dass es einige typische «Golfarten» gibt, die zwar nicht gerade gefährdet, aber anderswo auch nicht sehr häufig sind: die Goldammer ist eine typische Heckenbewohnerin, die auf vielen Golfplätzen vorkommt. Der Zwergtaucher profitiert vor allem von frisch angelegten Teichen auf den Golfplätzen. Wenn Fische in den Teichen ausgesetzt werden, verschwindet er wieder.
Welche Kriterien beeinflussen den Rückgang der Bestände bestimmter Vogelarten, und wie reagieren Golfplätze darauf?
Der wichtigste Grund für den Rückgang ist die intensive Landnutzung in der Schweiz. Dazu gehört auch die Zersiedelung bzw. das sehr enge Strassennetz, was zu einer Isolation der einzelnen naturnahen Lebensräume führt. Zudem sind Störungen durch Menschen fast überall möglich. Da die Spielbahnen in der Regel nahe beieinander liegen, kommen störungsempfindliche Arten auf Golfplätzen gar nicht oder nur selten vor. Andere Arten haben sich ganz einfach an die Golfspieler gewöhnt. Neue Trendsportarten sorgen leider für eine Zunahme dieser Störungen. Dramatisch sind Sportarten, bei denen zum Beispiel ein einzelner Sportler einen sonst kaum berührten Wald durchfährt.
Wie schätzt die Vogelwarte die Lebensräume in Schweizer Golfanlagen ein: ideal oder nicht?
Die Golfplätze sind in der Regel einerseits sehr strukturreich und schliessen zum Teil sehr wertvolle Lebensräume ein. Vor allem viele Kleintiere, aber auch diverse Vogelarten kommen gut mit den erwähnten Störungen aus, können also von den Golfplätzen profitieren.
Welches sind die Hindernisse für die Niederlassung von Vögeln auf einer Golfanlage?
Bodenbrüter sind auf Golfplätzen nur selten zu finden. Einerseits fehlen grössere, extensiv genutzte Wiesen, andererseits hält z.B. die Feldlerche als häufigste bodenbrütende Art einen Abstand zu Vertikalstrukturen wie Baumhecken oder Einzelbäumen ein. Es gibt aber einzelne Golfplätze, auf denen etwa das Braunkehlchen in einem guten Bestand vorkommt. Diese Art brütet ebenfalls am Boden, war früher in der ganzen Schweiz verbreitet, kommt jetzt aber nur noch in gewissen Bergregionen in grösserer Paarzahl vor. Auf dem Golf Andermatt gelang es, die Bedürfnisse dieser Art schon bei der Planung zu berücksichtigen und genügend grosse ökologische Ausgleichsflächen anzulegen.
Der Golfclub Lavaux, der ebenfalls eine Partnerschaft mit der Vogelwarte eingegangen ist, stellt fest, dass das Anpflanzen von Pro Specie Rare Obstbäumen auch zur Vielfalt der Vogelarten beiträgt. Was könnten Clubs sonst noch verändern, um die Bedingungen zu verbessern?
Naturnahe Lebensräume wie Hecken und Teiche gibt es auf den Golfplätzen in grosser Zahl. Zu einer naturnahen Hecke gehört jedoch neben der Strauchschicht auch ein Saum mit krautigen Pflanzen. Dort leben Insekten (Vogelfutter), und gewisse Vogelarten brüten auch in diesem Übergang von der Wiese zur Strauchschicht. Leider fehlt ein solcher Saum in vielen Fällen oder ist nur sehr schmal. Dasselbe gilt für die Ufervegetation von Teichen. Hier würde eine Änderung der Pflege viel Positives bewirken. Übrigens muss eine Hecke, die ein Landwirt als Biodiversitätsförderfläche anmelden will, beidseitig einen 3 Meter breiten Saum aufweisen. Ein solch breiter Saum würde zugegebenermassen an manchen Stellen das Golfspiel erschweren, doch gibt es auf jedem Platz zahlreiche Standorte, die regelmässig gemäht werden, auf denen ein Saum ohne Behinderung des Spiels möglich wäre.
Welchen Vorteil oder Nachteil in Sachen Nachhaltigkeit hätten Golfanlagen, wenn sich Vögel bei ihnen niederlassen?
Es gibt Clubs, die mit den Naturwerten auf ihrem Platz Werbung machen. Ein biodiversitätsfreundlicher Platz ist sicher ein Plus für das Image. Die Herausforderung besteht vor allem bei der Pflege. Die Greenkeeper müssen die Pflege auf diese besonderen Lebensräume oder besonderen Arten ausrichten. Ist das einmal etabliert, sehe ich keine weiteren Nachteile.
Welche generellen Veränderungen in der Vogelwelt der Schweiz werden zur Zeit festgestellt?
In praktisch allen Artengruppen gibt es Arten, deren Bestand rückläufig ist, und solche, deren Zahl zunimmt. Besonders hoch ist eine Abnahme bei den Kulturlandvögeln, und dort bei den Bodenbrütern, also jenen Arten, die ihr Nest am und unmittelbar über dem Boden anlegen. Darunter die Feldlerche, die Grauammer und das Rebhuhn. Letzteres hat vor einigen Jahren zum letzten Mal in der Schweiz gebrütet.

Simon Birrer, Experte der Schweizerischen Vogelwarte Sempach.