Aldo zeigt, erklärt und erzählt

Aldo Tuor, in seinem früheren Leben Banker und Gemeindepräsident in Disentis, ist seit kurzem auch noch Golfcaddie in Graubünden. Er ist für seinen neuen Job gewappnet. Die Bündner Golfacademy hat ihn auf die nicht alltägliche Arbeit vorbereitet.    

Pünktlich um 10 Uhr steht der muntere Rentner vor dem Golfplatz Buna Vista in Sagogn. Gut gelaunt und bereit, seinen ersten Auftrag anzunehmen. Und sofort inspiziert er meine Golfausrüstung. Lässt sich die Golftasche mühelos tragen oder ist ein Wägelchen besser? Wohlweislich wurde der Inhalt meines Bags in letzter Minute von alten Golfbällen, unnötigen Kleidern und schweren Wasserflaschen befreit. Man will den Taschenträger nicht unnötigerweise belasten. Für Aldo aber alles kein Problem. Vergnügt buckelt er meinen Bag und marschiert mit mir im Schlepptau – Richtung Driving Range. Die ersten Bälle sind gespielt und nichts deutet darauf hin, dass ich heute allenfalls ein anständiges Golf zeigen könnte. Aldo muntert mich auf: «Das kommt schon gut.»

Erste Komplimente

Wir sind bei Loch 1. Die Sonne zeigt sich just in diesem Moment und löst sich von den lästigen Quellwolken. Ob Aldo auch noch einen direkten Draht zum Himmel hat? Der erste Schlag und schon gibt’s Komplimente von meinem Taschenträger, der selbst in der Woche zweimal Golf spielt. Die Aussicht von Loch 1 ist schon mal fantastisch. Der Platz ist eingebettet in die liebliche Surselva Gegend. Blau, weiss und grün in allen Facetten. Der Schnee auf den Gipfeln bietet einen wunderschönen Kontrast mit dem satten Grün der Wiesen und den gelben Löwenzahlfeldern. All die bekannten Maler wie Segantini, Giacometti oder Carigiet konnten dieser Bündner Farbenpracht nicht widerstehen. Wir aber konzentrieren uns auf weiss. Den kleinen weissen Ball, der nun über die weiten Fairways 18 kleine Löcher finden soll.

Praktisch und bequem

Der 71-jährige Aldo zeigt, erklärt und gibt Tipps. Und nicht nur auf dem Fairway. «Da ist der Piz Mundaun, wir sagen ihm auch die Rigi von Surselva.» Praktisch, so ein Caddie. Ohne mühsam den Wagen zu stossen oder die Tasche tragen zu müssen, über die herrlichen Fairways zu spazieren und noch viel über Region und Leute zu erfahren, macht besonders Spass. Und dann dies: Auf Loch 7 ist es so weit! Mein Abschlag auf dem Par 3 liegt einen Meter vor dem Loch. «Das gibt ein Birdie», freut sich Aldo schon. Und tatsächlich. Es ist geschafft. Jetzt packt ein gut geschulter Caddy das Birdie-Wasser aus. Weit gefehlt. Aldo etwas beschämt. «Nein, ich habe keines dabei», und liefert dann aber auch die Begründung nach: «In Zeiten von Corona ist dies nicht erlaubt.» Wohl in der Academy gelernt?  

Rätoromanisch inklusive

Aldo durchlief anfangs Saison die ersten Caddie Academy von Graubünden. «Nur die Crème de la Crème bleibt übrig», heisst es dazu im Werbefilm. Aldo gehört definitiv dazu. Er hat seine Caddie-Fibel immer dabei. Das hat der Vater eines Sohnes und zweifache Grossvater auf der Runde bewiesen. Ein Gentleman durch und durch und ein guter Supporter obendrauf. In seiner Freizeit betreut er auch seine Enkelin Gianna (18), die auf dem Weg zu einer Skikarriere ist. Aldo ist ein guter Motivator. Ein Bündner Caddy kann aber noch mehr. Sie verraten die besten Rezepte für Capuns, Maluns und andere Bündner Spezialitäten oder sie lehren dich ein paar Brocken Rätoromanisch. Aldo erklärt: «Jeu vess buyen ino torta da nuschs.» Was so viel heisst wie: Ich möchte eine Nusstorte kaufen. Das könne ich dann im Kloster Disentis anwenden. Dort gebe es nämlich die besten. Geheimtipps gehörten zum Service der Caddies, die notabene gratis in Graubünden angeboten werden.

Die muntere Runde neigt sich dem Ende zu. Caddies im Ausland leben von den Trinkgeldern. Einem ehemaligen Banker und Gemeindepräsidenten ein Trinkgeld zuzustecken, das passt jetzt wirklich nicht. Zum Glück habe ich vorgesorgt und ein Fläschchen Bierbrand aus meiner Gegend eingepackt. Jetzt kann Aldo beim nächsten Birdie das edle Wasser zücken.

 

 

 

 

 

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