Mehr Ressourcen für die Spitze

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Im «Corona-Jahr» trainierten die Spitzenamateure regelmässig mit den Schweizer Profis. Ab der nächsten Saison ergänzen sie das Swiss Golf Team und profitieren ebenfalls von zusätzlichen Camps und Ressourcen. 

«Bei den Frauen haben wir mit Albane Valenzuela sowie Morgane und Kim Métraux drei etablierte Spielerinnen auf der LPGA und der Ladies European Tour. Das gab es bisher so noch nie», fasst Barbara Albisetti, Direktorin Sport bei Swiss Golf, die aktuelle Frauenpower bei den Profis zusammen. «Bei den Männern fehlt uns dies derzeit noch.» Unter anderem mit mehr Ressourcen für das Swiss Golf Team soll dieses Ziel in den nächsten Jahren erreicht werden. 
 
Die Performance Days wirken
«Wir haben zudem einige junge Amateure kurz vor dem Wechsel ins Profilager, für sie wollen wir die bestmöglichen Voraussetzungen schaffen», erläutert Marc Chatelain, Chef Leistungssport, die Motivation des Verbandes. Quasi als «Test» massen sich die besten Amateure dieses Jahr bei insgesamt acht sogenannten Performance Days mit den Profis. Das hat sich laut Chatelain bereits bewährt. «Wir haben trotz Corona gut gearbeitet, so wurde die stark verkürzte Saison vor allem bei den Amateuren schon fast ein Traumjahr», fasst er zusammen.
Alle erfolgreichen Amateure profitierten in dieser Saison unter anderen von den Performance Days unter der Leitung von Performance Manager Stuart Morgan, der seit vielen Jahren auch persönlicher Coach des Österreichers Bernd Wiesberger ist. 
Zum neuen Konzept gehört aber auch die regelmässige Weiterbildung, wie zuletzt diesen Herbst bei einem viertägigen Education Camp in Bogogno. Dabei profitierten alle von der Fortbildung mit international renommierten Top-Experten: Rob Neal (Biomechanik), Viktor Gustavsson (kurzes Spiel) und Ian Peek als Spezialist für den Übergang vom Amateur zum Profi. 
 
Beste Coaches
«Unter anderem dank den Beziehungen von Stuart Morgan können wir mit den besten Coaches der Welt zusammenarbeiten, davon profitieren gleichzeitig die Spieler und unsere eigenen Coaches», freut sich Präsident Reto Bieler. «Die Tage waren von morgens bis abends sehr voll. Alle arbeiteten intensiv und mit grosser Begeisterung, die Stimmung war sehr gut», sagt Sportdirektorin Albisetti nach der erfolgreichen Premiere in Italien. «Die Strukturen sind vorhanden, die Motivation und der Ehrgeiz der Spieler sind da. Die Ergebnisse werden kommen», ist Morgan überzeugt. 
«Dank der Arbeit der vergangenen Jahre haben wir eine Pyramide von Spielerinnen und Spielern, nun wollen wir mit einer klaren, langfristigen Vision die Spitze dieser Pyramide gezielt fördern und weiterbringen. Nun beginnt quasi die nächste Phase», fasst Albisetti zusammen.
 
 
Klarer Weg, klare Kriterien
Die grosse Umstellung passierte vor fünf Jahren. Damals wurden die relativ kleinen Amateur-Nationalmannschaften aufgegeben und eine regionale Struktur mit zwölf sogenannten Elite Coaches aufgebaut. «Anders als etwa in Deutschland haben wir hier keine Regionalverbände, welche die grössten Talente erfassen und zunächst betreuen», erläutert Marc Chatelain, Chef Leistungssport, einen der grossen Unterschiede. Diese Regional-Coaches hätten sich bewährt. «Sie kennen die Spielerinnen und Spieler sehr gut, begleiten sie im Idealfall von etwa 13-jährig bis hin zum Pro, und sind auch bei den internationalen Einsätzen dabei.» 
Diese Strategie hat sich als erfolgreich erwiesen. «Wir haben einen Anstieg der Anzahl Elitespielerinnen und -spieler sowie eine deutliche Verbesserung des Spielniveaus festgestellt. Die regelmässigen Trainingseinheiten mit den Elite Coaches zahlen sich aus», sagt Performance Coach Stuart Morgan anhand seiner umfangreichen Unterlagen.
 
Um die Arbeit im Leistungssport weiter zu optimieren und die besten Spielerinnen und Spieler noch stärker zu unterstützen, habe sich der Verband entschieden, die Anzahl der unterstützten Spieler etwas zu straffen, um damit eine Kaderstruktur zu schaffen, die noch bewusster auf die förderungswürdigen Talente ausgerichtet ist. «Wir wollen mehr Ressourcen frei machen für die Spitze, deshalb wird die Zahl der unterstützten Spielerinnen und Spieler um etwa 40 auf noch gut 170 sinken», erläutert Sportdirektorin Albisetti das für die nächste Saison angepasste Sportkonzept. Dies sei in enger Zusammenarbeit mit den Coaches entschieden worden. «Auch für uns ist es dankbarer, mit weniger, aber hoch motivierten Spielerinnen und Spielern zu arbeiten», erklärt beispielsweise Nora Angehrn, welche nach ihrer Profikarriere schon seit vielen Jahren als Elite Coach für Swiss Golf arbeitet. 
 
Zwei zusätzliche Coaches
Zu den Aktivitäten des Swiss Golf Teams werden sogenannte Transition Amateure, welche sich in den letzten Jahren vor dem Sprung ins Profilagers befinden, eingeladen. Zusätzlich zum bisherigen Performance Manager, Stuart Morgan, kümmern sich nun Roberto Francioni und Russell Warner um das Swiss Golf Team. «Bisher gab es nur das breite Elitekader und das kleine Swiss Pro Team an der Spitze», sagt Chatelain. Ab nächster Saison sollen die Wege und die Kriterien für die verschiedenen Kaderstufen klarer werden, verspricht der Chef Leistungssport.
Neu gibt es klare Etappen – quasi der ideale Weg, um vom Talent zum Spitzensportler zu wachsen. 
Entsprechend heissen die Kader ab 2021: 
-       Rookies
-       Regional Talents
-       National Talents
-       National Teams 
-       Swiss Golf Team
 
«Da es wichtig ist, dass Spielerinnen und Spieler desselben Niveaus öfter gemeinsam trainieren können, werden wir die Nationalkader Girls, Boys, Männer und Frauen reaktivieren», erläutert Chatelain. Insgesamt werden in den Nationalkadern rund 30 Amateure gefördert. Nicht alle werden sich für eine professionelle Golfkarriere entscheiden. «Wir wissen, welche Spielerinnen und Spieler Ambitionen für den Wechsel ins Profilager haben. Ihnen wollen wir früher und intensiver helfen, den schwierigen Übergang vorzubereiten», illustriert der Bündner. Dazu gehöre eine breite Palette, von der Ernährung über die Turnierplanung bis hin zu einem Sponsoringkonzept für den Start als «Einzelfirma». 
«Wir haben einige Spieler, die in den vergangenen fünf Jahren von der regionalen Struktur profitierten und in nächster Zeit ins Profilager wechseln. Das Ziel ist, dass sie bereit sind, wenn sie den Schritt zu den Profis wagen, und sich nicht zuerst zurechtfinden müssen.» Man wisse aus Studien, dass die grosse Mehrheit der Spieler, welche sich auf dem höchsten Level etabliert haben, dies in den ersten fünf Jahren als Pro schaffen. Durch den direkten Austausch der Amateure mit den Profis könne man zudem viele Fehler, welche in der Vergangenheit gemacht wurden, vermeiden, fügt Stuart Morgan an.
 
Quartett will in die Spitzensportler-RS
Zu den Amateuren auf dem Sprung ins Profilager gehört beispielsweise Loris Schüpbach. Der 25-jährige St. Galler beendet nächsten Sommer seinen Bachelor of Science in Economics an der Fern-Uni. «Ende Jahr möchte ich mich für eine Profitour qualifizieren, da hat mir der erste Performance Day im Golfclub Breitenloo schon etwas gebracht», sagt Schüpbach. Zudem sei es einfach «cool gewesen, nach dem Lockdown mit den besten Profis zu trainieren. So habe ich gesehen, wo ich ungefähr stehe».  
Ähnlich tönt es von seinem Kollegen Mauro Gilardi: «Ich spreche viel mit Jeremy Freiburghaus über seine ersten Erfahrungen als Profi, aber gerade auch Spieler, die schon länger auf der Tour sind, können uns noch weiter bringen», sagt der Informatiker, der im nächsten Herbst zusammen mit drei weiteren Amateuren die Spitzensportler-RS plant. 
Das gleiche Ziel haben Elena Moosmann, Nicola Gerhardsen und Cédric Gugler. Die ersten acht Wochen verbringen die Rekruten in Magglingen. Am Morgen steht die militärische Ausbildung auf dem Programm, am Nachmittag bleibt Zeit fürs Training. «Für die zehn Wochen von Januar bis März wären auch Trainingslager im Ausland denkbar», sagt Chatelain. Die Spitzensportler-RS gibt es bereits seit 1998. «Als Verband sind wir für das Coaching zuständig, für einen Einzelnen würde sich der Aufwand kaum lohnen. Nun haben wir ein ambitioniertes Quartett von Spitzenamateuren, und ich hoffe, dass alle Bewerbungen akzeptiert werden», erläutert Chatelain. 


 
«Spitzensport ist strategisch»
Der Vorstand von Swiss Golf hat sich in seiner Strategie 2020 bis 2024 erneut zum Spitzensport bekannt: «Wir wollen Schweizer Spielerinnen und Spieler auf den Top-Touren etablieren», heisst das konkrete Ziel. «Swiss Olympic hat unsere bisherige Arbeit und die Erfolge der vergangenen Jahre honoriert. Ab dieser Saison sind wir in der Förderstufe zwei eingeteilt», freut sich Reto Bieler, Präsident von Swiss Golf.
Nach dem Rücktritt von Markus Frank nach der vergangenen, «virtuellen» Delegiertenversammlung vom März musste die Kommission Leistungssport des Verbandes angepasst werden. Reto Bieler hat die Leitung ad interim übernommen, im Winter übergibt er das Präsidium der Kommission an Thomas Busin. Die beiden haben in den letzten Monaten intensiv zusammengearbeitet. «Als ehemaliger Tischtennisprofi kennt Thomas die Bedürfnisse von Spitzensportlern, und ich bin froh, dass er sich entschieden hat, sich langfristig für den Leistungssport bei uns einzusetzen», sagt Bieler über seinen Vorstandskollegen. 
Man sei sich bei allen wichtigen Fragen einig, ergänzt Busin, der sich im Verband zudem auch noch um das Sponsoring kümmert. 
 
Fokus auf die Spitze
Für Busin ist klar, dass es einen «klaren Fokus auf die Spitze, sprich das Swiss Golf Team, braucht. Wir wollen mehr machen für weniger Leute, da ist auch klar, dass nicht alle Freude daran haben». Für ihn sei dies aber der richtige Weg, um den grossen Schritt von gut zu sehr gut machen zu können. «Das hehre Ziel ist es, dass alle in diesem Swiss Golf Team automatisch das Tour-Level haben und sich etablieren können, sich also sicher mehr als eine Saison lang auch dort halten können», illustriert Busin. Das passiere natürlich nicht von heute auf morgen, sondern benötige Ausdauer und Geduld. Aktuell plane man bis zu den Olympischen Spielen in Paris 2024, und Teil des Konzepts sei auch die Bereitstellung von zusätzlichen Mitteln. Die Clubs haben die Erhöhung des Mitgliederbeitrags von 70 auf 80  Franken beschlossen. «Rund 30 Prozent der zusätzlichen Gelder fliessen in den Leistungssport, der Rest unter anderem in den Service für die Clubs», sagt Swiss-Golf-Präsident Reto Bieler.